Der Taubenmann und seine Liebesgeschichte


Es war ein bewölkter und leicht windiger Tag. Ich sah ein paar Familien am Strand spazieren gehen, manche Väter tobten mit ihren Kindern am Meer und die Mütter grinsten immer ganz stolz. 2 Paare liefen Hand in Hand an mir vorbei und sahen sehr glücklich aus. Ich hingegen, war eher um ein bisschen Frische Luft zu schnappen am Strand, hatte mich gerade mit meinen Eltern gestritten. Ich wollte einfach nur den Kopf frei kriegen und ein wenig über meine allgemeine Lebenssituation nachdenken. Nun kuschelte ich mich in meinen Schal ein und steckte meine Hände in meine Jackentaschen. Ich genoss es als eine Windböe durch meine Haare wehte und schaute mich nebenbei ein wenig um. Kinder standen an der Strandpromenade und ließen ihre bunten Drachen steigen. Als ich meinen Blick gerade wieder lächelnd zum Meer richten wollte, sah ich einen älteren Mann, ich schätze ihn auf 65 Jahre. Er sah traurig auf den Sand hinab und zeichnete immer wieder etwas in den Sand hinein, doch irgendwas war komisch, irgendetwas stimmte nicht. Ich lief immer schräger in Richtung zu ihm und versuchte es so unauffällig wie möglich zu machen. Umso näher ich zu ihm kam erblickte ich immer und immer mehr etwas Goldenes hinter den Dünen. Apropos, sind die Dünengänge nicht immer gesperrt ? Er darf dort doch eigentlich gar nicht sitzen, aber das war ihm dann wohl auch egal. Ich war immer noch sehr verwundert über das ungefähr 1m hohe etwas, was neben ihm stand, doch als ich fast bei ihm war, erkenne ich langsam, das es so eine Art Käfig war wo 2 unglaublich schöne, schon Bilderbuch-weiße Tauben drin waren. Doch was hatte das alles zu bedeuten? Es trennten uns nur noch wenige Meter als er mich plötzlich erblickte und ein wenig erschrak. „Entschuldigung, ich wollte sie nicht erschrecken“ sagte ich lächelnd. „Nein, nein.“ antwortete er. „Sie sehen ganz schön traurig aus, kann ich etwas für sie tun?“ „Ach…, wenn du meine große Liebe zurück holen kannst, dann so schnell wie möglich bitte.“ Sagte er ruhig. Ich war etwas geplättet, mit so einer Antwort habe ich nicht gerechnet. Definitiv nicht. Langsam sah ich auch, wie er einen Namen geschrieben hatte. Es wird mir immer mehr bewusst, das heute einfach nur ein blöder Tag ist, für mich, für ihn und bestimmt auch für viele weitere Menschen auf unserem Planeten. „Erzählen sie mir ihre Geschichte“ sagte ich freundlich „Es tut ihnen gut, glauben sie mir. Es hilft uns Menschen, wenn sie mit jemanden über etwas reden, was sie bedrückt.“ „Okay.“ „Danke.“ Ich sage es vertraut, denn er wird mir immer sympathischer und ich weiß nicht warum. „Ich bin seit einem Jahr Todunglücklich.“ Er machte eine etwas längere Pause. „Ich habe vor genau 41 Jahren eine ganz besondere Frau kennengelernt, damals war sie gerade eine frische Frau, noch so jung.“ Der ältere Mann lächelte glücklich und sah auf’s Meer. „Sie hatte lange, und glatte braune Haare, meeresblaue Augen, die immer so schön strahlten, wenn sie gelacht hat. Echt zum verlieben. Sie war schlank und wirklich hübsch. Wir lernten uns auf einer damaligen Strandparty kennen, die im Sommer fast jeden Abend stattfand. Sie kam auch aus Leipzig, so wie ich. Das lustige war, das sie gar nicht weit weg von mir studierte. Naja auf jeden Fall hatten wir uns verdammt gut verstanden, blieben auch im Kontakt weiterhin. Als wir uns dann anfingen, immer öfter zu sehen und gemeinsam mehr zu machen, hatten wir uns etwas aufgebaut. Es dauerte 1 Jahr…. Oh ja ! Sie hat mich echt zappeln lassen.“ Er grinste wieder. „Wir waren 2 Jahre zusammen als wir in eine gemeinsame Wohnung zogen. Irgendwann nach weiteren 5 Jahren, hatten wir beschlossen, das wir etwas raus wollen. Irgendwo hin wo schöne, frische und saubere Luft ist. Irgendwo an’s Meer. Es hat kein Jahr gedauert und wir haben dort…“ Er zeigte mit seinem Finger auf ein Haus, etwas versteckter, mit Strandzugang. Es war ungefähr 500m weg. „Dort zogen wir hin. Man es war alles perfekt. Wir bauten uns ein so schönes gemeinsames Leben auf. Niemand hat uns hier gestört, keiner. Wir haben geheiratet, sogar mit weißen Tauben, waren in einer glücklichen Ehe, reisten viel um die Welt, gingen jeden Abend gemeinsam am Strand spazieren und vieles mehr.“ Er blickte zu mir auf und lächelte. „Erzählen sie weiter, es ist toll! Ich mag ihre Liebesgeschichte!“ Verzögert fing er an weiter zu erzählen. „Nun ja.. Vor 3 Jahren, kam sie au eine total niedliche Idee und sagt mir, das wir uns weiße Tauben holen sollten, für den Frieden. Da alles so schön in unserer gemeinsamen Zeit war und es bis zum Lebensende weiterhin so friedlich sein soll. Heidi, so hieß sie, sah sehr süß dabei aus als sie mich versucht hatte zu überzeugen. Hat es aber einfach nicht geschafft. Wissen sie, sie las unheimlich gerne Bücher und für sie war alles immer so perfekt. Jeden Sommerabend, saß sie schaukelnd in der Hollywoodschaukel auf unserer Veranda und verschlang ihre Bücher“ und sah mich an. Er blickte mit friedlich auf den Boden. „Aber das war es gerade, es war immer schön mit ihr, wir waren total zufrieden mit unserem Leben. Bis sie eines Tages krank wurde, sie bekam Krebs. Und plötzlich war es nicht mehr ganz so perfekt. Ich kaufte ihr sogar 2 weiße Tauben.“ „Diese hier?“ Ich zeigte auf den schönen goldenen Käfig. „Ja. Diese. Ich brachte sie zu ihr an’s Krankenbett mit Tränen in den Augen. Ich stellte sie ab, kniete mich vor sie, nahm ihre Hand und sagte ihr, dass ich sie für sie geholt habe. Sie sollen für den Frieden da stehen, keiner solle uns trennen können. Wir hätten es einfach nicht verdient …Ich weiß es noch wie, als wäre es gestern gewesen. Sie hatte den Krebs nach einem halben Jahr besiegt. „Das hört sich doch, dann alles toll an, wenn sie ihn wieder besiegt hat? Wo ist sie denn jetzt? Haben sie sich gestritten? Wenn ja ruf ich sie gleich eben an und bestell sie her und verbi-“ „Sie ist heute vor genau einem Jahr an einem Herzinfarkt gestorben“ Ich war noch nie so geschockt wie in diesem Augenblick. Das kann doch nicht wahr sein? Eine glückliche Liebe wie in einem Film oder Roman? Ein wunderschönes Leben, hatte dieser ältere Mann. Er hat es einfach nicht verdient. „Es tut mir leid.“ „Ach, das ändert es auch nicht.“ Seine verbrauchten, kleinen Augen füllten sich mit Tränen und er konnte sie nicht mehr halten. Sie flossen wie ein Wasserfall. „Ich wollte diese Tauben nun frei lassen, ihnen die Freiheit schenken, denn in meinem Herzen wird sie immer bleiben. Ob mit Taube oder ohne Taube, niemand kann uns trennen, wie gesagt.“ In dem Moment, öffnete er den Käfig und die Tauben flogen in ihre Freiheit. „Ein Glück wissen sie, das sie es nicht verdient haben.“ Er blickte zu mir auf und lächelte.